Trauer um Esther Bejarano

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Die Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz berichtete bis zu ihrem Tod am 9. Juli Jugendlichen von der Nazizeit, so auch in der Sankt-Paulus-Schule. Weihbischof Horst Eberlein und Pfarrer Felix Evers erinnern an sie.

Esther Bejarano bei einer Lesung in einer Schule
Esther Bejarano bei einer Lesung vor Schülern der St. Paulus-Schule. Foto: Klaus Böllert

Als „Zeugin der Wirklichkeit“ hat Weihbischof Horst Eberlein die KZ-Überlebende Esther Bejarano gewürdigt. Jahrzehntelang habe sie vor allem jungen Menschen davon berichtet, dass die Schoah wirklich geschehen sei. Dies sei ein Zeugnis, dass heute wieder mehr denn je notwendig sei. „Ihre große Wachheit bis zum Schluss hat mich tief beeindruckt“, so Eberlein. Ein Satz von ihr sei ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Auf die Frage eines Schülers, was sie denn heute tun sollten, habe Esther Bejarano geantwortet: „Auf jeden Fall nicht schweigen.“ Bejarano war am vergangenen Wochenende im Alter von 96 Jahren in Hamburg nach schwerer Krankheit verstorben.

Die 1924 in Saarlouis als Tochter eines jüdischen Kantors geborene Esther Loewy wurde 1943 von den Nazis nach Auschwitz deportiert. Sie überlebte als Akkordeonspielerin im „Mädchenorchester“, kam dann ins KZ Ravensbrück, konnte schließlich von einem „Todesmarsch“ fliehen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebte Esther Beja­rano einige Jahre in Israel, bevor sie 1960 mit ihrer Familie nach Deutschland zurückkehrte und sich in Hamburg niederließ.

Im Jahr 2015 hatte Bejarano mit weiteren Holocaust-Überlebenden Papst Franziskus getroffen, der dem Auschwitz-Komitee, dem sie in Deutschland vorsaß,  ausdrücklich für die Aufklärungsarbeit in Schulen dankte. Für diese Arbeit erhielt Bejarano das Große Bundesverdienstkreuz. 

„Eine hellwache Zeugin des Grauens“

Im vergangenen Jahr besuchte Bejarano am Dienstag nach Pfingsten auch die katholische Sankt-Paulus-Schule in Billstedt. Eines der Themen, über die sie mit den Schülern sprach, waren die fürchterlichen Konsequenzen, die Machtmissbrauch haben kann. Die Heranwachsenden waren tief beeindruckt, wie klar die damals 95-Jährige über die Nazi-Diktatur berichtete. „Wir sind sehr dankbar, mit Esther Bejarano eine hellwache Zeitzeugin des Grauens bei uns erlebt haben zu dürfen“, sagte Pfarrer Felix Evers damals. 

Evers erinnert sich heute, dass im Vorfeld des Besuchs über die Schutzmaßnahmen aufgrund der Coronapandemie gesprochen wurde. Bejarano habe dazu gesagt: „Wer Auschwitz überlebt hat, hat keine Angst vor Corona.“ Bejarano habe versucht, sich die Nummer, die KZ-Häftlingen in Auschwitz eintätowiert worden sei, durch Laser entfernen zu lassen. „So ganz ging die Nummer aber dennoch nicht weg – genauso wie das Grauen, das die Häftlinge erlebten, nicht aus den Köpfen verschwindet.“ Die letzten Zeugen gingen nun von uns, meint Evers weiter. „Gott bewahre uns davor, was Jesus sprach: ‚Ihr habt Ohren und hört nicht…‘“ 

Mit Trauer hat auch die evangelische Nordkirche auf den Tod von Esther Bejarano reagiert. Ihr Tod reiße eine große Lücke, sagte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs. Bejarano sei eine „aufrechte, mutige Streiterin für Demokratie und Menschenrechte“ gewesen. „Mich hat immer tief beeindruckt, wie sie bis ins hohe Alter mit einer sagenhaften Ener­gie gegen Rechtsextremismus und Rassismus, ja gegen das Vergessen ihre Stimme erhoben hat.“

Hamburgs Erster Bürgermeis­ter Peter Tschentscher (SPD) sagte, mit Bejarano verliere Hamburg eine außergewöhnliche Bürgerin, die sich bis ins hohe Alter für das Gemeinwohl engagiert habe. Bejarano hatte seit 1960 in Hamburg gelebt und gehörte zu den wichtigsten Zeitzeuginnen der Hansestadt. Der Hamburger Senat hatte ihre Verdienste 2020 mit der Ehrendenkmünze in Gold gewürdigt. Bereits 1994 hatte sie die Biermann-Ratjen-Medaille erhalten.

Gegen den Neubau der Synagoge am Bornplatz

Noch im Juni dieses Jahres hatte Bejarano dagegen protestiert, dass das künftige Dokumentationszentrum „Hannoverscher Bahnhof“ in der HafenCity in Hausgemeinschaft mit der Firma Wintershall, die eine  NS-Vergangenheit habe, leben solle.  Der Plan des Vermieters sei eine Zumutung für die Überlebenden und ihre Angehörigen und eine Missachtung der Millionen Ermordeten. Bejarano sah auch den geplanten Wiederaufbau der Synagoge am Bornplatz kritisch. Sie plädierte für „ein Haus der Begegnung für alle Menschen“. Darin solle „über die Ursachen von Antisemitismus, über Solidarität und Gerechtigkeit diskutiert werden“.     

Text: Matthias Schatz mit kna/epd